Freitag
Malmedy liegt in Ostbelgien, das ist von meinem Wohnort Nürnberg eine stabile Tagestour. Darum nehme ich den Freitag frei und schwinge mich mit guter Laune früh auf meine Aprilia Tuareg – ich werde heute den Tempomat brauchen. Sie ist mein Fernreise-Mopped, und Hinterreifen sowie Kette sind in einem Zustand, der für die nächste Reise nicht mehr reicht, wohl aber für ein 1500 km-Wochenende. So geht’s zunächst drei Stunden Autobahn bis Hockenheim, und dann über Bundesstraßen bei Wissembourg nach Frankreich rein. Parallel zur Grenze liegen ein paar nette Pässe, und den Col du Pigeonnier fahre ich heute das erste Mal. Es ist nicht nur Wald, es gibt auch Sicht. Schon schön hier!

Es geht kurvig durch Saarland und Rheinlandpfalz, an Trier vorbei, aber die Tankstelle ruft. Zum Tanken hat der Pfälzer Luxemburg erfunden, also mache ich einen Abstecher nach Vianden. Ob ich will oder nicht, denn auf der deutschen Seite der Grenze gibt’s praktisch keine Tankstellen. Nett anzusehen ist Luxemburg aber auch.

Dann geht’s nördlich durch die äußerste Westeifel, Rodershausen, Daleiden, Lützkampen, und das alles immer…

Auch hier ist’s schön!

Dann ist bald Belgien erreicht, und aus Zeitmangel geht’s hier auf die Autobahn. Malmedy ist bald erreicht, ich will im Aldi noch Snacks kaufen, aber der hat geschlossen und ein Pappschild im Fenster, dass ich als „wir streiken weil wir nicht sonntags arbeiten wollen“ übersetze. Schade. Ich erkenne einen weiteren Tesch-Besucher, und wir fahren gemeinsam zum nächsten Supermarkt.
Der Wetterbericht sagt zwar Sonne an, aber ich hab’s einfach gerne warm und verzichte daher aufs Zelten, angesichts von 2° morgens und einer gerade erst gerade so noch abgewendeten Erkältung, die dabei war, sich zum ausgewachsenen Männerschnupfen auszubauen. Da helfen auch 20° am Nachmittag nicht. Besonders wenn es 500 Meter weiter eine Jugendherberge gibt, wo 2 Nächte inkl. Frühstück 55 Euro kosten. Das gönne ich mir. Die Lorbeeren überlasse ich gern anderen. Ich checke also ein, werfe mein Gepäck ins Zimmer und fahre dann zur Zeltwiese. Hier gibt’s als Besonderheit noch eine kleine Flussdurchfahrt. Man könnte sie auf einer schmalen Fußgängerbrücke umfahren, aber das ist uncool, alle gucken, und nach meiner Islandreise letztes Jahr fühle ich mich qualifiziert. Da habe ich das Motorrad zwar 4x umfallen lassen, aber nie im Wasser! Und auch heute bleibe ich trocken und erreiche die Zeltwiese. Nach dem Checkin und sondieren der Lage...

… steuere ich zielstrebig Claudias Bus an. Claudia hatte mal eine Versys, daher kenne ich sie von diversen Kawasaki Versys-Treffen. Sie schläft im Auto, hat aber ihr Zweitmopped dabei. Honda SC. Eine echte Höllenmaschine, diabolisch schwarz-rot lackiert. Ich parke im sicheren Abstand.

Großes Hallo, und ich werde direkt vermittelt an ihre neuen Bekanntschaften, die Erfahrungen mit meinen geplanten nächsten Reisezielen haben. Später traue ich mich dann doch, nach einer Probefahrt auf der Honda SC zu fragen. Die SC hat zum Glück nur 125ccm, aber keinen Kupplungsgriff, dafür aber eine Schaltwippe. Und das kleine Ding macht einfach echt Spaß und gute Laune! Es gibt ein Video, darauf verzichte ich hier ab aus diversen Gründen. Ansonsten wird Grillgut gefuttert, sozialisiert und dann beginnt das erste große Feuer.

Gegen 22 Uhr ziehe ich mich zurück ins Bett. In meinem 5er Zimmer sind 3 andere Männer, von denen einer schnarcht, und die anderen machen auch alle 15 Minuten irgendwas. Ich habe Gehörschutz vergessen, frage aber an der Rezeption und kriege tatsächlich eine 4er-Packung geschenkt – wow! So bekomme ich doch noch ein paar Stunden ununterbrochenen Schlaf hin.
Samstag
Auch heute ist wieder tolles Wetter angesagt. 11:00 öffnet der Vortragssaal, und ab 11:30 gibt’s für Frühbucher (wie mich) dort Mittagessen. Den Vormittag nutze ich für eine kurze Rundfahrt durch die Region. An der Gegend hängen persönliche Erinnerungen, denn ich habe 5 Jahre in Aachen gewohnt, und damals war das hier mein Revier für kurze Tagestouren oder lange Sommerabend-Runden. Zu Beginn der Tour baue ich meine Sitzbank ab und stelle sie in die Sonne, denn es ist Eis drauf, aber durch die Sonne wird es schnell warm. Es ist schön zu sehen, dass es noch alles gibt, dass die Straßen repariert worden sind, dass die Gebäude noch alle bewohnt sind und dass sie auch modernisiert werden. Es sieht aber alles weiter alt aus und hat Patina. Auch bei sehr gutem Wetter.


Pünktlich um 11 bin ich nach einem ostbelgisch-deutschsprachigem Tankstopp an der Halle. Hier sind auch einige Gäste, die nicht zum Camping kommen, und damit ist hier Bikertreff extrem: 200 Reisemoppeds, oder zumindest Moppeds von Reisenden. Das geht vom Allradgespann mit 4 Sitzplätzen bis zu Dakar-tauglichen Rally-Enduro auf HP2-Basis, aber mit 1000er Rumpfmotor und Carbon-Zylinderköpfen. Sehr präsent ist natürlich auch die Tenere 700, aber auch viel alte Hardware. Es gibt einerseits Fahrer, die ihre alten Maschinen in- und auswendig kennen und selbst reparieren können, und dann die etwas modernere Fraktion, die schon Einspritzung nutzt, weil da weniger zur reparieren ist. Und natürlich alles dazwischen. Da wir hier in Belgien sind ist auch nicht mit einer Schwerpunktkontrolle der SoKo Motorradtuning zu rechnen, die hier Reifenfreigaben, Kennzeichenwinkel und ABEs von Windschildern kontrollieren könnte. Ich habe pflichtschuldig die Soziusrasten daheim gelassen.
Nach dem Mittagessen beginnt dann das Programm. Weil es das erste Tesch Treffen ohne Bernd Tesch ist, beginnt es natürlich mit dem Gedenken. Mal traurig, mal heiter, aber mit einem positiven Ausblick. Ein gewisser Herr Herbert Schwarz, seines Zeichens Gründer einer Firma namens Touratech und späterer Chefredakteur einer Zeitschrift namens Tourenfahrer, nebenbei alter Freund von Bernd, verliest seinen Nachruf. Den gibt’s auch online: https://www.tourenfahrer.de/nachrichten ... well-bernd
Danach folgen die Reiseberichte: Im gemieteten TukTuk durch Sri Lanka, mit aus Europa verschifften Motorrädern von Alaska bis Patagonien ohne Schrauberkenntnisse, oder mit der vor Ort gekauften Sportenduros durch Neuseeland? Mal geht’s gut bis auf gelegentliche Elefanten-Angriffe, weil Elefanten keinen Zweitaktsound mögen, mal wartet man abwechselnd wochenlang auf Ersatzteile in extrem ländlichen Orten Ecuadors, und mal fährt man die Hälfte der Zeit bis zu den Knien im Wasser Flussbetten entlang, bis die Kiste dann doch mal ertrinkt, 100 km vom nächsten Menschen entfernt, natürlich alleine und ohne Handynetz. Uff.
Ich nehme dies zum Anlass, bei der folgenden Fahrt zum Campingplatz auch endlich in der Flussdurchfahrt umzufallen. Das Wasser ist zwar nicht tief, aber man sieht die Steine unter Wasser nicht, und trifft man einen Stein und lässt sich davon aus der Bahn bringen, dann trifft man schnell den zweiten und spätestens beim dritten geht’s dann nicht mehr vorwärts. Drei Leute stehen bereit und helfen mir auf. Leider ist auch mein Handy aus der Hülle am Lenker gehüpft, freundlicherweise ist es aber schnell wieder gefunden und sowohl wasserdicht als auch nicht mit dem Display auf einem Stein gelandet. Es klagt also nur über Feuchtigkeit im USB-Port, was mir aber reichlich egal ist, weil ich induktiv lade. Außerdem klagt mein rechtes Schienbein, was eigentlich erstaunlich ist, weil ich nach links umgefallen bin. Unter Motorradhose und Jogginghose finde ich dann auch zwei je 5 cm lange Kratzer, einer davon blutig. Schönen Gruß an die Firma Daytona bzw. die ganze Klamottenbranche, die einfach keine Straßenstiefel mit wirklich hohem Schaft anbieten will. Also desinfizieren, säubern, desinfizieren und trocknen lassen, und dabei die Insekten verjagen. Davon lasse ich mir nicht die Laune verderben. Der Fahrer vor mir und der nach mir sind auch beide gestürzt. Wer ein Video von einer gelbe Aprilia Tuareg im Wasser findet: Das war ich!
Mein Motorrad klagt übrigens nicht, das ist Kummer gewohnt und mit genug Sturzbügeln für drei Motorräder ausgestattet. Die hätte ich nicht montiert, war aber halt schon dran beim Gebrauchtkauf, und die haben sich inzwischen bewährt. Den Rest des Abends gibt’s wieder Bewirtung am Campingplatz durch Claudia und vom Grill, dann aufwärmen am Feuer, und um 22 Uhr gehe wieder Richtung Bett. An der Rezeption gibt's die richtigen Pflaster fürs Schienbein. Im Zimmer sind nur noch zwei Mitbewohner übrig, und endlich erwische ich den Spanier, der auch beim Tesch Treffen ist, und der die weiteste Anreise hat (Barcelona). Dann geht’s in die Heia, denn ich bin schon recht müde.
Sonntag
Diese Nacht war etwas erholsamer als die erste, aber irgendwie bin ich doch im Schlafdefizit. Hilft ja nix, 7 Uhr aufstehen, Frühstück fassen, Motorrad packen. Die Jugendherberge hat mir ein Zimmer mit Außenzugang zugeteilt, was echt nett ist. Ich kann auch quasi vor der Tür parken und unter einem Vordach. Meine Route heute führt kurvig aus Belgien raus, dann schön durch die Eifel. Auch hier hängen Erinnerungen, denn meinen Führerschein habe ich in Köln gemacht, in meiner Ruhrpott-Zeit war das hier der Sehnsuchtsort, und von Aachen aus ging's auch sehr schön. Die Kurviger-App ist aber offensichtlich besser als meine damalige manuelle Planung. Dann geht's zügig aber wenig touristisch durch die Region Mosel, und dann wieder drei Stunden Autobahn ab Mainz. Ich fahre die Kurvenstrecke von Malmedy nach Mont mit großer Freude, aber kaltem Motor, dann findet die Kurviger-App wirklich schöne Eifelstraßen, und an der Mosel habe ich zwar keine Zeit für eine Pause, aber für ein Foto.

Kurz vor 12 gibt’s den obligatorischen Tankstopp, dann Laugengebäck vom Bäcker daneben, und dann rolle ich den Rest einfach mit Tempomat nach Hause, mit stündlichen Pausen. Es ist weniger warm als gestern, und ich bin 16 Uhr daheim, aber ganz schön müde. Da kommt dann der Schlafmangel doch irgendwann.
Ich bin sehr froh, dass ich das Treffen besucht habe! Ich habe mich weiter vernetzt und einige Tipps einsammeln können. Lasst euch überraschen, wo es 2027 dann für mich hin geht...



